Offener Brief an die Stadt Dortmund

Über die Notwendigkeit eines Freiraums für alternative Gegenkultur:

Heute ist der Dortmunder Stadtgarten ein Treffpunkt für verschiedene Jugendliche aller Subkulturen.
Der anliegende Skatepark, die zentrale Position und die Grünflächen machen den Stadtgarten für viele Menschen so attraktiv. Sportler_Innen nutzen die Brunnenanlage für den Parkoursport, andere die Wiesen zum entspannen.
Doch wer in öffentlichen Stadtparks in geselliger Runde und bei gutem Wetter seinen Abend verbringen will, hat mit Ausweiskontrollen, Platzverweisen oder Strafanzeigen wegen Betretens des Rasens oder Ruhestörung zu rechnen.
Für das Unterstellen unter dem Vordach der U-Bahnstation, oder sogar nur das Aufhalten in der nähe dieser, verteilt die DSW21 gerne mal ein sechsmonatiges Hausverbot an alle Menschen, die keinen Anzug tragen.

Alternativen gibt es keine.
Im März 2009 schließt das Freizeitzentrum West im Neuen Graben um einige Monate später in der Innenstadt neu zu eröffnen.
Doch die früher günstigen Punk- und Skakonzerte, die regelmäßig viele alternative Jugendliche anzogen, werden in der neuen größeren Location von teuren Konzerten bekannter Künstler_Innen abgelöst die sich die Jugendlichen nur selten leisten können.
Dann wird das Hippiehaus in der Dortmunder Innenstadt trotz antifaschistischem Protest geräumt und im Juli 2009 abgerissen. Viele Menschen verlieren Wohnung und Anlaufstelle.
Der Platz wird für ein neues Einkaufszentrum gebraucht.
Auch der leerstehende Südbahnhof, der dank der aktiven Nutzung von Graffitikünstler_Innen mehr Kunstwerke enthält als so manches Museum soll abgerissen werden.
Wer sich hier aufhält, bekommt Platzverweise oder Anzeigen.
Gruppen wie dem Aktionskreis Freiraum oder der Initiative UZ-Dortmund die sich die Gründung eines Freiraums, beispielsweise in Form eines autonomen Zentrums zum Ziel gemacht haben, legt die Stadt regelmäßig Steine in den Weg.

Da ist es kein Wunder,
dass sich an warmen Wochenenden hunderte Menschen der Emo- Punk- und Metallszene, sowie Skate- Bike- und Parkoursportler_Innen am Stadtgarten aufhalten.
Natürlich sind in Dortmund auch die Nazis nicht weit.
Diese halten sich meistens oberhalb der Treppen neben dem mehrstufigen Brunnen auf.
Früher vielen diese nicht weiter auf, da sie lediglich zum Alkoholgenuss den Stadtgarten aufsuchten.
Doch auch hier lässt sich eine deutliche Steigerung des Gewaltpotentials der Nazis erkennen.
Nur einige Beispiele einer langen Liste von Übergriffen wollen wir hier aufzählen.

Am 17.11.2009 griffen drei Nazis abreisende Teilnehmer_Innen der zuvor stattgefundenen Bildungsstreikkundgebung am Stadtgarten an.
Sie erlitten leichte Verwundungen durch Schläge ins Gesicht.

Am 13.05.2010 griff eine Gruppe von 15 bis 20 Nazis Jugendliche am Stadtgarten an.
Nachdem die Nazis mehrere Passant_Innen anpöbelten und einige den Hitlergruß machten griff die Gruppe ohne Vorwarnung eine kleinere Gruppe Jugendlicher an.
Sie bewarfen sie mit Flaschen, schlugen auf diese ein und jagten sie durch die Innenstadt bis zum Hauptbahnhof.
Einige der Angreifer, die der ehemaligen Skinfront Eving zuzuordnen sind, konnten dort verhaftet werden.
Ein Opfer des Übergriffs musste im Krankenhaus behandelt werden. Da die Nazis dem am Boden liegenden Jungen ins Gesicht traten.

Am 25.07.2010 marschierte dann ein Trupp von 20 Nazis am Stadtgarten auf.
Es handelte sich dabei um die Führungskader des Nationalen Widerstands Dortmund sowie der bekanntesten Akteur_Innen der Gruppe.
Alle waren mit Quarzsandhandschuhen oder Teleskopschlagstöcken bewaffnet.
Sie schauten sich suchend um, inspektierten die anwesenden Jugendlichen und zogen dann sichtlich enttäuscht von dannen. Glücklicherweise trafen sie an diesem Nachmittag niemand an, der nicht in ihr verquertes Weltbild passte.

Am 12.08.2010 griff ein Nazi einen der Punkszene zuzuordnenden Jugendlichen am Stadtgarten an.
Der Nazi trat dem am Boden sitzenden 17-Jährigen mehrmals mit Stiefeln ins Gesicht.
Er erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und musste drei Tage auf der Intensivstation behandelt werden.
Ein weiterer Jugendlicher wurde von dem erwachsenen Nazi leicht verletzt.
Die gerufene Polizei die über den neuen Aufenthaltsort des Täters am Stadthaus aufgeklärt wurde, versäumte es diesen zu stellen.

Am 27.01.2011 griffen zwei Nazis einen Jugendlichen an, der die sich am Stadtgarten häufenden Hakenkreuzschmierereien übermalte.

Zwei Tage später am 29.01.2011 fielen Nazis durch antisemitische Parolen auf.
Die betrunkenen skandierten lautstark man solle „Alle Juden vergasen“
Engagierte Antifaschist_Innen die dem ein Ende bereiten wollten standen im nu einer 20-köpfigen Gruppen Nazis gegenüber, von denen mehre Messer zogen.
Nachdem die Antifaschist_Innen geflohen waren schlug einer der aufgebrachten Nazis einem unbeteiligten Jugendlichen mit der Faust ins Gesicht.
Er erlitt leichte Verletzungen.

Diese Liste ist nicht komplett und zählt nur wenige Übergriffe der jüngeren Vergangenheit auf.

In keinem der Fälle kam es zu einer Verurteilung der längst bekannten Täter_Innen.
Dabei geraten die Nazis nicht nur wegen politisch motivierten Körperverletzungen, rassistischen Parolen und Hakenkreuzschmierereien mit dem Gesetz in Konflikt.
Sie sind auch wegen sexuellen Beziehungen zu Minderjährigen und dem Handeln mit Drogen am Stadtgarten bekannt.

Wo stehen wir jetzt?
Der Stadtgarten wird inzwischen von manchen Jugendlichen gemieden.
Die Nazis haben damit erreicht, was die Stadt nicht geschafft hat.
Doch der Sommer steht vor der Tür und die Vertreibung unerwünschter Jugendlicher aus dem öffentlichen Stadtbild nimmt aufs Neue zu.
Deshalb fordern wir einen Freiraum in Form eines selbst organisierten Jugendzentrums jenseits von Antisemitismus, Sexismus und rechter Gewalt mit ausreichend Platz für eine alternative Gegenkultur.
Es kann nicht angehen, dass es für alternative Jugendliche keinen Platz gibt, an dem sie sich umsonst und ohne Repression staatlicherseits oder körperlicher Gewalt seitens Faschist_Innen, aufhalten können.
Wir kämpfen gegen die Klassengesellschaft einer Stadt, in der zwar Geld für ein teures Konzerthaus aber nicht für alternative Punkkonzerte vorhanden ist.
Wir wollen keine Stadt die überall Platz für neue Einkaufszentren findet aber nirgendwo Platz für unsere Volxküchen über hat.
Wir finden es unverschämt, dass zig Museen klassische Kunst horten, während unsere Kunstwerke am Südbahnhof zum Abriss freigegeben werden.

Die Frage ob wir ein akzeptierter Teil der Gesellschaft sind wurde bereits beantwortet.
Doch wir haben die Schnauze gestrichen voll und werden darum kämpfen, dass sich das ändert.
Wenn ihr uns den Raum nicht gebt, werden wir ihn uns nehmen.

Antifaschistische Jugend Dortmund


5 Antworten auf „Offener Brief an die Stadt Dortmund“


  1. 1 Anne 12. April 2011 um 17:44 Uhr

    Guter Artikel!!!
    Gute Recherchearbeit!!!
    Wurde auch mal Zeit das sowas angesprochen wird!!

  2. 2 SLIME 12. April 2011 um 22:48 Uhr

    Sehr Sehr geil bitte mehr von solchen artikeln

  3. 3 Anonymous 13. April 2011 um 10:00 Uhr

    Die Dokumentation der Naziübergriffe in diesme Artikel ist gut und richtig. Weiter so!

    Was den geforderten Freiraum angeht kann ich nur sagen: Liebe Leute, hört bitte auf zu heulen und die Stadtpolitik anzubetteln und fangt endlich an!

    Es gibt genug Initiativen, die schon da sind und die tatkräftige Unterstützung brauchen. Von Taranta Babu über den Langen August bis hin zum Café Caos in Mengede gibt es Orte die euren Support brauchen. Jeder der mal hier in Dortmund versucht hat irgendwas auf die Beine zu stellen, weiss wie zäh und mühselig das ist, ein paar Leute zu aktivieren. Da muss man fast jeden persönlich mit Handschlag einladen. Das läuft in anderen Städten sehr viel einfacher und stressfreier.

    Die UZ-Do Leute haben letztes Jahr mit ihrer Aktion im Museum am Ostwall eine fettes Ding hingelegt. Als ich nachmittags zur Podiumsdiskussion da war, war ich ehrlich gesagt enttäuscht, dass da gerade mal zwanzig Leute saßen. Wo sind die hunderte Menschen, die ihren Freiraum fordern?

    Es gibt genug Leerstände! Siehe Punkt 2.8 des streckenweise unsäglichen Konzeptpapiers der SPD (http://www.ruhrbarone.de/dortmund-rat-hat-ende-des-strasenstrichs-beschlossen/).
    Und wie man an den von Bulgies gesquatteten Häusern sieht, geht es ja offensichtlich, sich seinen Raum zu nehmen. Zumindest so lange man nicht tonnenweise Müll aus dem Fenster wirft.
    Squatted ein Haus und macht ein Kulturzentrum draus.

    Leute! Hört auf zu labern und fangt endlich an!
    Zur nächsten Critical Mass am 14. Mai möchte ich 500 Radfahrer sehen und zur Euromayday am 1. Mai tausende auf der Straße!

    Die Stadt wird nichts für uns bewegen.
    Wir müssen die Stadt bewegen!
    Fangt an! Macht mit! Vernetzt euch! Bildet Banden!

  4. 4 Anonymous 27. April 2011 um 14:23 Uhr

    Lieber Anonymus,
    mir ist nicht entgangen, dass du scheinbar keine Ahnung von dem Stadtgeschehen in Dortmund hast.
    Lass die AJD doch versuchen, was selber auf die Beine zu stellen. Es geht – so denke ich – in diesem Brief nicht darum anderen Gruppen mitglieder wegzunehmen oder diese zu schwächen, sondern darum selbst einen Versuch zu starten den Menschen in Dortmund einen Freiraum zu beschaffen.
    Desweiteren woher weißt du, dass keine Vernetzung der Gruppen vorhanden ist.

    Natürlich muss man in Dortmund die meißten Menschen per Handschlag dazu bewegen ein Haus zu besetzen.
    Dies ist immernoch eine Illegale handlung und im Internet dazu aufzurufen wäre doch Fatal. Wie soll das aussehen? Ein Artikel bei Indymedia indem steht
    „Liebe Menschen der Stadt Dortmund + Umgebung, wir wollen am 05.05.2011 ein Haus in der XY-Straße in Dortmund besetzen. Bitte kommt Zahlreich, für Vokü ist gesorgt jedoch bringt bitte Holzlatten und alte Baugerüste zum Barrikadenbau selber mit“

    Und 20 Leute für die Podiumsdiskussion ist zwar wenig aber bedenke bitte, dass in Köln bei drohender AZ-Räumung es auch nur 40 Leute zur Verteidigung des AZ geschafft haben. Und es fordern dennoch hunderte ihren Freiraum. Nur evtl. sind einige Leute nicht so bereit so weit zu gehen, wo ist dein Problem?

    Ja, die Bulgaren kann man nicht aus dem Haus werfen. Das hat jedoch andere Gründe. Die besetzen Häuser indem sie einen Mietvertrag vorher machen. In Deutschland darfst du niemanden aus einem Haus schmeißen, der einmal da einen Mietvertrag hatte und jetzt keine andere Wohnalternative hat. Deswegen mischt sich Stadt und Politik nicht ein. Desweiteren muss ein Hausbesitzer die Räumung selber bezahlen und in der Nordstadt sind wenig große Wohnungsbesitzer a la Spar und Bau oder DoGeWo und deswegen wird nicht geräumt.

    Ich würde mal sagen, hör du auf zu Labern und bewege du mal deinen Arsch. Mit Internetproleten die in wirklichkeit nix machen ist wenig anzufangen.
    Ich muss – damit Menschen wie du auch einmal etwas Politische bildung erlangen – den Satz mit Lenin beenden. Auch wenn ich kein Leninist bin hat er Recht:
    »So lange ihr nicht stark genug seid, das bürgerliche Parlament und alle sonstigen reaktionären Institutionen auseinanderzujagen, seid ihr verpflichtet, gerade innerhalb dieser Institutionen zu arbeiten, weil sich dort noch Arbeiter befinden, die von den Pfaffen und durch das Leben in den ländlichen Provinznestern verdummt worden sind. Sonst lauft ihr Gefahr, einfach zu Schwätzern zu werden.«

  5. 5 Benn 30. April 2011 um 0:43 Uhr

    Guter Artikel, gute Rechersche. Ich hoffe dieser Brief bringt die Stadt Dortmund zum Nachdenken!
    Sozialistische Grüße!

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