Kein Tag für die Nation

„Die billigste Art des Stolzes ist hingegen der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte.“
(Arthur Schopenhauer, 1788-1860)

Warum wird der Einheitstag gefeiert?

Am 3. Oktober 1990 wurde die BRD mit der DDR wiedervereinigt.
Seit dem ist dieser Tag laut Einigungsvertrag ein nationaler Feiertag.
Der Tag der Deutschen Einheit ist ebenfalls Jahrestag der Gründung fünf neuer Bundesländer.

Auch dieses Jahr zog der 3. Oktober wieder eine patriotische Nostalgie ohne gleichen mit sich.
Tausende Deutsche reduzieren ihre Identität auf drei Farben und feiern die Nation.
Warum wir das scheiße finden, wollen wir euch in diesem Text erklären.

We don’t need a Nation
Warum Nationen uns nicht gut tun:

Nationen erfüllen den Zweck, die kapitalistischen Verhältnisse mit Gewalt aufrecht zu erhalten.
Um das zu gewährleisten grenzen sie die Menschen in einem bestimmten Gebiet zusammen und setzen diese unter die Herrschaft einer Regierung.
Diese stellt eine Autorität dar, die zur Bewahrung der nationalen Ordnung respektiert werden muss.
Wer das nicht tut, erfährt die Gewalt einer ausführenden Exekutive am eigenen Leib.

Doch Herrschaft und Autorität sind unangenehme Dinge, da sie die Menschen in verschiedene hierarchische Stufen einordnen.
Wenige können über Viele befehlen, sie davon abhalten ihr Leben nach eigenem Wunsch zu führen oder sie zu Dingen zwingen die sie nicht machen wollen.
Diese Macht korrumpiert und wird stets für die eigenen und gegen fremde Interessen genutzt.
In dem Augenblick unserer Geburt werden wir dem Repertoire eines Staates zugeordnet. Ab dann wachsen wir in einer Atmosphäre des Zwangs, der Gewalt, der Autorität, des Gehorsams, der Pflicht und Angst vor Bestrafung auf.
Personalausweise, Polizisten, Grenzen, Gesetze, Vorgesetzte und Religionen dienen dazu uns in dieses Machtgefüge zu zwingen.
All diesen Dingen werden wir ausgesetzt, um für den Staat Leistung zu erbringen.

Deutsch ist der, der deutsches tut…
Über die Kontinuität deutscher Scheußlichkeiten:

Antisemitismus, Rassismus, Krieg und Deportation sind in Deutschland auch nach Kriegsende im Jahr 1945 traurige Realität.
Zum Beispiel ist der Antisemitismus nach wie vor ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen in Deutschland, das sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und politische Lager zieht.
Verschwörungstheorien, wie die der Kontrolle aller Banken und Konzerne durch Juden und Jüdinnen, sind nicht nur in der extremen Rechten zu finden, sondern auch in der bürgerlichen Gesellschaft verankert.
Auch Rassismus, Sexismus und Homophobie begegnen uns im Alltag überall. An Schule, Uni oder Arbeitsplatz, auf der Straße, in der Kneipe, im Stadion oder Fernsehen werden wir damit konfrontiert.
Übergriffe auf vermeintlich fremde Menschen stehen an der Tagesordnung in Deutschland.
Allein in der Geschichte der Wiedervereinigung seit 1990 sind 130 rechtsradikal motivierte Morde vermerkt.
Allerdings ist die Dunkelziffer weitaus höher, da viele Morde seitens des Staates entpolitisiert oder verleugnet werden, um das “nationale Ansehen” nicht zu beschmutzen.
Trauriger Höhepunkt dieser kontinuierlichen Ausländerfeindlichkeit ist wohl der Pogrom im Jahr 1992 in Rostock-Lichtenhagen, als über 100 Neonazis ein Asylbewerber_innenheim angriffen, es anzündeten und schließlich stürmten.
Um das Geschehen standen teilweise bis zu 2000 Menschen aus der Zivilbevölkerung die sangen und applaudierten – die Polizei schritt nicht ein.
Die Selbstverständlichkeit von Rassismus und Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft ist nach wie vor erschreckend.

Auch Krieg ist nach wie vor ein beliebtes deutsches Mittel, um wirtschaftsbedingte Interessengegensätze zum eigenen “nationalen Gunsten” zu entscheiden. Solange die Gesellschaft die Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und Faschismus nicht erkennt, ist es dieser unmöglich eine Kritik am Krieg zu formulieren, die der Akzeptanz gegenüber kapitalistischen Verhältnissen nicht widerspricht.
Krieg wie er im 2. Weltkrieg geführt wurde, müssen die Deutschen nicht mehr fürchten. Heute trägt die Bundeswehr Konflikte fern ab in Schwellen- und Entwicklungsländern aus und die Nachrichten zeigen Bilder von freundlichen Soldaten die Kindern helfen.
Die Realität sieht anders aus:
Massaker an der Zivilbevölkerung wie das in der Afghanischen Provinz Kundus erlangten traurige Berühmtheit.

Im Zusammenhang mit der Beinahe-Abschaffung des Asylrechts im Jahr 1993 wurde die Abschiebehaft in großem Umfang wieder eingeführt.
Es genügt heute, ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland aufgegriffen zu werden, um in Abschiebehaft genommen zu werden. Darunter leiden politische Flüchtlinge, denen das Asyl verweigert wurde, oder Flüchtlinge, deren Visum nicht verlängert wird, und Migrant_innen, die entweder ohne gültiges Visum nach Deutschland gekommen sind, oder deren Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist.
Tausende Menschen sitzen oft monatelang in Abschiebehaft, bis sie dann zu den 50.000 Menschen gehören, die jedes Jahr aus Deutschland abgeschoben werden.
Dass die „Rückführung“ in die Heimatländer für viele Asylbewerber_innen politische Verfolgung, Elend, Armut und den Tod bedeuten kann, wird nicht beachtet.
Was zählt ist das Wohlergehen der deutschen Nation.

Es ist erschreckend wie kontinuierlich die Verbrechen und Methoden des NS-Regimes noch heute Anklang finden.
Doch warum sind diese Ekelhaftigkeiten von der Gesellschaft toleriert, wenn nicht sogar gewünscht?

Tag der deutschen Einheit?
Konkurrenzkampf und Ausgrenzung neben Einheit und Patriotismus:

Nationalist_innen sehen sich als eine Gemeinschaft an, die sich im ständigen Kampf gegen andere nationale Gemeinschaften profilieren müssen.
Das schweißt zusammen.
Man spricht sich gemeinsame Eigenschaften und Vorlieben zu, die einander verbinden sollen.
So spricht man von deutschen Tugenden wie Fleiß, Ordnung und Pünktlichkeit und einer gemeinsamen Tradition, die immer mit einer positiven Darstellung auf die gemeinsame Geschichte zusammenhängt.
Diese positive Darstellung fällt den Deutschen aufgrund des NS-Regimes, der Shoah und dem größten Vernichtungskrieg der Weltgeschichte vor nicht mal 70 Jahren schwer.
Gerade deshalb will man „mit der Geschichte abschließen“ und begrüßt das Ereignis der Wiedervereinigung Deutschlands als Beweis des guten Gemüts der Deutschen.
Das Vaterland wird wieder geliebt.

Was dabei Übersehen wird, ist dass „Volk“ im Kapitalismus keinesfalls eine harmonierende Gemeinschaft darstellt, sondern ein komplexes Gefüge aus verschiedenen Schichten und Gruppierungen ist, die sich mit widersprüchlichen Interessen arangieren müssen.

Politiker_innen kämpfen gegeneinander um Macht und Einfluss.
Politische Bewegungen kämpfen gegeneinander aufgrund von verschiedenen Ideologien.
Unternehmer_innen kämpfen gegeneinander um Profitmaximierung.
Arbeitnehmer_innen kämpfen gegeneinander um Arbeitsplätze und Gewerkschaften gegen Arbeitgeber_innen um „gerechte Löhne“.
Alles in allem ist es eine Menge fremder Menschen die sich nie kennengelernt haben und das auch gar nicht wollen, „vereint“ in einer Gesellschaft die auf Konkurrenzkampf und Tausch setzt, um maximalen Profit zu erreichen.
Unter diesen Verhältnissen leiden alle.
Die Konsequenz sind Feindlichkeiten gegen allem als fremd empfundenen und gegen solche Menschen, die für Deutschland keine Leistung erbringen.
Die traurige Realität ist, dass ein Großteil der Menschen in dieser Gesellschaft nicht durch Lohnarbeit profitieren. Nur die wenigen, die genung Mittel besitzen um andere Menschen für die Vermehrung ihres Kapitals arbeiten zu lassen, sind die Gewinner in dieser Gesellschaft.

Gemeinschaft und Einigkeit sieht anders aus.
Doch genau dieser Konkurrenzkampf ist im Interesse des geliebten Vaterlandes.

Aus diesen Gründen stellen wir uns entschlossen gegen das patriotische Tralala und die Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit.
Wir wollen eine befreite Gesellschaft fernab von Konkurrenz und Ausschluss.
Gemeinsam kämpfen, für etwas besseres als die Nation!